JOHN CAGE: APARTMENT HOUSE 1776

Samstag, 3.9.2011, 20:00-01:00

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1

14 tunes, 4 marches, 44 harmonies, 2 imitations

buddhistische, protestantische, gregorianische, ambrosianische, sephardische und muslimische Gesänge

werden in mehreren, akustisch durchlässigen Räumen gespielt

PhotovonJohnCage

ensembleTZARA und Gäste:

Sonoe Kato, Irina Ungureanu, Wael Samy Elkholy & Luiz Alves da Silva, Gesang; Graziella Nibali & Shanna Gutierrez, Flöten; Ana Lomsaridze Arter, Englischhorn;Martin Sonderegger, Klarinette; Raphael Camenisch, Saxophon; Alessandro Damele, Fagott; Christoph Luchsinger, Trompete; André Jenny, Posaune; Leo Bachmann, Tuba; Simone Keller und Philip Bartels, Toy-Piano / Melodica; Eva Zöllner, Akkordeon; Philipp Schaufelberger, E-Gitarre; Sebastian Hofmann, Schlagzeug; Sebastian Silén & Christina Aiko Mayer, Violinen; Geneviève Camenisch, Viola; Moritz Müllenbach, Violoncello; Aline Spaltenstein, Kontrabass

 

Zum 200. Unabhängigkeitstag des Melting-Pot USA konstruierte der amerikanische Komponist John Cage 1976 ein imaginäres, von Musikern belebtes Mehrfamilienhaus. Seinen Bewohnern stellte er eine Sammlung durch ihn bearbeiteter Stücke aus der Gründerzeit und den Freiraum, Stücke aus ihrem persönlichen religiösen Zusammenhang zu singen, zur Seite. Diesen Streifzug durch ein klingendes Gebäude, in dem der Hörer/Zuschauer durch verschiedene Räume wandelnd entscheiden kann, wie lang er bei einem Konzert bzw. in einem Raum, einer Situation verweilen will, wird das ensembleTZARA zusammen mit Gastmusikern aus unterschiedlichsten Kulturen zur Langen Nacht der Museen nachempfinden. Dabei soll eine Situation zwischen Konzert und Ausstellung entstehen, die gleichzeitig als Plädoyer für kulturelle Diversität zu verstehen ist. Apartment House 1776 ist anarchistisches In-Frage-Stellen gesellschaftlicher und kultureller Strukturen, aber auch ein Stück gelebter Buddhismus. Diese Religion hat mehr als alle Anderen die Demut entwickelt, sich nicht über alles, was kreucht und fleucht, bedeutungsschwer zu stülpen, sondern eine hochkonzentrierte Beobachterposition einzunehmen. Solch geartetes aktives Zuhören erfreut sich am Unvorhergesehenen, Fremden, wozu John Cage selber in einem Interview gemeint hat:

Haben Sie irgendeine Vorstellung, warum die Leute nicht zuhören?

Das zu erklären ist Sache der Psychologen. Ich kann nicht verstehen, warum Menschen vor neuen Ideen Angst haben. Ich habe Angst vor den alten.

Nun möchten wir Ihnen nicht unterstellen, nicht zuzuhören! Doch unsere Alltagskultur ist geprägt von einer ganz anderen Art des Hörens: schalten wir das Radio an, erfreuen wir uns an bekannten Stücken, im klassischen Konzert ertappen wir uns schon mal dabei, wie wir mit unserer Lieblingsinterpretations aus der heimischen CD-Sammlung vergleichen. An einer anderen Stelle führt Cage aus:

Sehr viele Leute finden den Gedanken, dass sie weder emotional noch intellektuell auf Musik reagieren sollen, sicher verwirrend. Was bleibt denn dann noch?

Sie sollen zuhören. Warum nicht annehmen, dass Töne als solche interessant sind? Ich wundere mich immer, wenn die Leute sagen: „Sie meinen, es sind einfach nur Töne?“ Wie sie darauf kommen, dass Töne noch etwas anderes sein können, ist mir schleierhaft.

In Apartment House 1776 entscheiden Sie als Zuhörer, wo und wie lange Sie zuhören wollen. Umgebungsgeräusche gehören ebenso zur Musik wie die Live-Klänge der Musiker oder die schon tot wirkenden Elektronischen der Lautsprecher. Keine Frontalbeziehung mehr zwischen Bühne und Publikum, kein Dramaturgiebogen, kein erwähnenswerter Anfang oder Schluss. Die Musik steht Ihnen gleich einer Ausstellung offen, sie gehend, rennend, schleichend, wie immer Sie wollen, zu erkunden...

...Und die Anarchie? Sie ist eine angestrebte Wirtschafts- und Gesellschaftsreform freier und gleicher Menschen. Die dem Werk zugrundeliegenden Choräle aus dem 18. Jahrhundert hat John Cage zum 200. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung durch grosszügiges Auslichten gewissermassen neutralisiert. Wir können zwar wahrnehmen, dass die Klänge aus einem harmonischen Kontext stammen, Melodien oder funktionale Harmonik sind jedoch nicht mehr auszumachen. Durch das gleichzeitige Erklingen einer Vielzahl dieser „harmonies“, der solistischen „tunes“ und Militärmärsche werden wir zum neuartigen Hören alten Materials gezwungen (Cage setzte in diesem Stück keine einzige Note selbst, sondern nur Pausen in Bestehendes!). Das Gleiche können wir mit Bildern im Kunsthaus tun: Schauen Sie sich einen Brueghel oder einen Monet mal ohne Wissen der Epoche, der damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten und des heutigen Kaufpreises an!

Mit den Gesangspartien unterschiedlicher Religionen schwingt endlich auch Politisches an: Integration ist ein ständig bemühter Begriff, nicht nur von Rechtsparteien. Dass es in unserem Alltag aber viel öfter darum geht, Kulturen friedlich nebeneinander leben zu lassen und sich beispielsweise an einer reichen Auswahl Delikatessen erfreuen zu können, geht irgendwie vergessen...